Video is loading…

Vibe Coding: Prototypen für Designprozesse

Design bei MetaDesign bedeutet seit jeher mehr als Gestaltung. Marken entstehen hier nicht nur als visuelle Ergebnisse, sondern als Systeme aus Regeln, Prinzipien und Beziehungen.

Um solche Systeme zu entwickeln, arbeiten wir zunehmend auch mit Technologie und entwickeln eigene Werkzeuge, die den Designprozess unterstützen. Nicht, weil wir ein Softwareunternehmen werden wollen, sondern weil sich viele gestalterische Fragen heute besser beantworten lassen, wenn Design auch funktional gedacht wird.

Eine Entwicklung spielt dabei aktuell eine besondere Rolle: Vibe Coding. Eine neue Form des Programmierens, bei der Software nicht mehr ausschließlich von Entwicklern geschrieben wird, sondern aus präzisen Anweisungen an KI-Modelle entsteht. Statt Codezeilen zu formulieren, beschreibt man, was ein Programm tun soll, und erhält kurze Zeit später eine funktionierende Anwendung.

Der Ausdruck wurde Anfang 2025 vom KI-Forscher Andrej Karpathy geprägt. Damals wirkte das Konzept noch wie eine Mischung aus Experiment und technischer Spielerei. Doch innerhalb weniger Monate hat sich die Leistungsfähigkeit generativer Modelle massiv weiterentwickelt. Anwendungen lassen sich heute schnell prototypisch umsetzen – oft direkt aus einer Idee heraus. Für Design eröffnet das eine neue Dimension.

Suprise Button V2

In unserem Workshop-Format „Prompt Battle“ erhielten die Teilnehmenden die Aufgabe, ein Programm mit einem Button zu erstellen, der bei jedem Klick für eine Überraschung sorgt.

Vom Experiment zum Werkzeug

Im MetaDesign AI Lab testen wir solche Technologien regelmäßig in der Praxis. Ziel ist nicht nur, Entwicklungen zu beobachten, sondern zu verstehen, wie sie unsere Arbeit verändern und welches Potenzial sie für Designprozesse eröffnen.

Dabei entstehen zunehmend Werkzeuge, die aus einfachen Prompts hervorgehen. Ein Beispiel ist Parametric Studio: eine Anwendung, mit der sich grafische Formen parametrisch kombinieren und neue visuelle Strukturen generieren lassen – ähnlich wie in klassischen Designprogrammen, jedoch deutlich flexibler und explorativer.

Andere Anwendungen entstehen direkt aus konkreten Projektanforderungen: eine KI-gestützte App, die fotografische Bildwelten generiert und erfolgreich in einem Pitch eingesetzt wurde. Ein Script, das hunderte Illustrationen automatisch von RGB- in markenkonforme Druckfarben überführt. Oder kleine Programme, die Karten, Illustrationen oder Texte konsistent im Tone of Voice einer Marke erzeugen.

Was hier entsteht, sind keine klassischen Softwareprodukte. Es sind Werkzeuge für Designs, Prototypen für Denkprozesse.

260226 Parametric Studio Drag drop colour 5

Ian Warner entwickelte Parametric Studio, eine App zur Erstellung faszinierender grafischer Formen. Die Anwendung lässt sich direkt im Google AI Studio ausprobieren.

Mehr als Effizienz

Natürlich spart diese Arbeitsweise Zeit. Repetitive Aufgaben lassen sich automatisieren, Explorationen beschleunigen sich.

Der eigentliche Mehrwert liegt jedoch woanders: in der Qualität der Gestaltung. Wenn sich Werkzeuge schnell entwickeln lassen, entsteht Raum für mehr Varianten, mehr Tests und präzisere Entscheidungen. Budgets können intelligenter eingesetzt werden, nicht für manuelle Produktion, sondern für konzeptionelle Arbeit. Design wird dadurch nicht einfach effizienter. Es wird leistungsfähiger.

PSD FILE FREE

John Cages Stück „Variations I“ für David Tudor wurde anlässlich seines Geburtstags im Januar 1958 uraufgeführt. 2025 interpretierte eine KI das Werk – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie präzise Technik komplexe Regelwerke versteht und in interaktive Programme übersetzen kann.

Design als Regelsystem

Besonders deutlich wird das bei der Entwicklung von Designsystemen. In einem aktuellen Projekt musste ein grafisches System aus einer Pitch-Phase in ein konsistentes Design überführt werden. Statt hunderte mögliche Varianten manuell zu gestalten, entstand ein kleines Programm, das zentrale Parameter – Farben, Strichstärken, Formen und Anordnungen – über Schieberegler steuerbar macht. Das System lässt sich nun in Echtzeit erkunden: Varianten entstehen dynamisch, Grenzen des Designs werden sichtbar und Entscheidungen lassen sich fundierter treffen.

Die Idee dahinter ist nicht neu. Bereits 1964 zeigte der Schweizer Designer Karl Gerstner in seinem Buch Programme entwerfen, dass Gestaltung als strukturierte Abfolge von Handlungen verstanden werden kann, wie z.B. wie ein Fernseh- oder Theaterprogramm. Design entsteht demnach nicht nur aus zufälligen Entscheidungen, sondern aus einem geplanten System. Was sich heute verändert hat, ist die Art, wie dieses System erforscht wird. Früher bedeutete Designentwicklung häufig manuelle Exploration: Varianten wurden gestaltet, verglichen und wieder verworfen – ein notwendiger, aber zeitaufwendiger Prozess. Mit KI lassen sich dafür nun Werkzeuge entwickeln, die diese Exploration direkt ermöglichen.

Vibe Coding hilft uns, Designs strukturierter anzulegen und sie – im doppelten Wortsinn – als Programm zu denken. Wir entwickeln Prototypen für Designprozesse.

Die Rolle der KI

Im aktuellen KI-Diskurs wird häufig gefragt, ob Technologien künftig komplette Designsysteme generieren könnten: Typografie, Bildwelt und Tone of Voice – automatisch erzeugt und auf Anfrage ausgespielt.

Die Vorstellung wirkt plausibel, unterschätzt jedoch einen entscheidenden Faktor: Datenqualität. Generative Modelle lernen aus dem, was im Internet verfügbar ist – und das ist häufig Durchschnitt. Marken hingegen entstehen aus präziser Differenzierung und aus gestalterischer Haltung. Genau darin liegt die Aufgabe von Design.

Die Technologie wird uns deshalb als Werkzeug erhalten bleiben – und sich nicht selbst zum Designer aufschwingen. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob KI unser Handwerk ersetzt, sondern wie wir sie einsetzen, um besser zu werden: in unseren Designsystemen, Ausdrucksmöglichkeiten, Denken.